Lieber Reto (2)

Aus der Reihe der «nie gesendeten E-Mails». In loser Folge (vielleicht) veröffentlichte Erinnerungen und Gedanken.

Nun, Reto, es ist schon wieder fast ein Monat vergangen… Auch heute, als ich an diesem warmen Samstag einkaufen ging, kam mir wieder unsere Reise in den Sinn.

Ich erinnere mich, dass Du einen Tramper-Rucksack mit einem Zelt dabei hattest. Ich schleppte wohl eine alte Reisetasche oder einen normalen Rucksack. Auf jeden Fall fuhren wir mit unseren Freikarten und ein paar hundertausend Lire im Portemonnaie los. Von Zürich mit dem Zug nach Milano. Dort assen wir wohl im Bahnhof eine dieser kleinen Pizzen, die wir das erste Mal bei einer Rundreise dort kennengelernt hatten.

Irgendwann nach 9 Uhr abends fuhr dann unser Zug mit dem Schlafwagen. Es war kein Universal, sondern ein T2, also ein Schlafwagen mit kleineren Zweier-Abteilen, welche man jedoch mit unseren Zweitklass-Fahrkarten benutzen durfte. Ich mag mich nicht an alle Details erinnern, aber es war ja Sommer, also sehr heiss. Wir gingen abwechselnd beim Schlafwagenschaffner Bier kaufen. Aber nach dem dritten Gang hielten wir seine letzte Flasche in den Händen. Immerhin, es war eine grosse Flasche und sie war kühl und schmeckte köstlich.

Der Zug ratterte durch die Nacht in den Süden… irgendwann am nächsten Tag kam unser Zug in Villa San Giovanni an und wurde dann in den Bauch der Fähre verladen. Wagen um Wagen, das dauerte ewig. Jedesmal, wenn der Zug wieder ins Ausziehgleis zurückfuhr, wunderten wir uns ob den vielen Abfällen neben den Gleisen. Bergeweise Altglas und Dosen.

In Messina wiederholte sich das Manöver und dann ging es weiter entlang der Nordküste von Sizilien. Fast die ganze Strecke wurde gerade saniert und der Zug zuckelte mit knapp 50 km/h dahin. Entsprechend kamen wir gegen Abend mit rund zwei Stunden Verspätung in Palermo an.

Wie ich im ersten Artikel der Serie geschrieben habe, bekamen wir ja zum Glück keinen Wagen in Palermo. Also fuhren wir am nächsten Tag mit dem Zug nach Agrigento.

Dort angekommen, versuchten wir uns zu orientieren. Wir hatten aus irgend einem Reiseführer oder von einem Kollegen eine Hotelempfehlung, welches in der Nähe des Bahnhofes sein sollte. Während wir vor dem Bahnhof die Karte versuchten zu interpretieren, kam ein junger Taxifahrer zu uns und ich erklärte ihm, zu welchem Hotel wir wollten. Er meinte, das sei nicht weit vom Bahnhof gut erreichbar. Aber ein älterer Kollege eilte sofort hinzu und gestikulierte. Nein, das sei nicht wahr. Der Weg zum Hotel sei sicher fast drei Kilometer. Wir waren etwas müde und es war sehr heiss, also handelten wir einen Fahrpreis von wohl rund 10 Franken aus und der ältere Kollege fuhr mit uns los. Er fuhr die «Via Francesco Crispi» runter, wendete irgendwo ganz unten und fuhr nach oben wieder zurück.

Das Hotel war dann natürlich nur rund vierhundert Meter vom Bahnhof weg, aber naja, mit dem Wagen, so erklärte der schlaue Fahrer, müsse man natürlich erst nach unten zum wenden, weil man von oben wegen einem Fahrverbot nicht in die Strasse rein fahren dürfe. Wir nahmen es als Lehrstück ;-)

Am nächsten Tag wollten wir dann runter zum Strand. Den Busfahrplan und die Schilder verstanden wir jedoch nicht. Da wir Zeit hatten, gingen wir zu Fuss runter durch die Tempelanlage (Valle dei Templi). Natürlich kamen wir in die mittägliche Hitze. Zudem hattest Du auf in der Mitte des rund 90minütigen Fussmarsches plötzlich einen Schwächeanfall. Du hattest ja nie viel Reserven auf den Rippen und warst völlig unterzuckert, da wir kein Frühstück genommen hatten. In einem Restaurant tranken wir etwas und Du futterste irgendwelche Biscotti in Dich hinein. 

Dann ging es weiter. Unten am Strand machte ich den Fehler meines Lebens und ging sofort ins Wasser. Als ich danach durch den Sand zum Badetuch zurückging, waren meine Füsse voller Sand und bei der nachfolgenden Aktion Sonnencrème bekamen sie nichts ab. Nach dem Sonnenbad war die Bescherung dann komplett. Meine Füsse waren rot wie ein Krebs und schmerzten stark. Du hingegen hattest ja nie Probleme mit der Sonne, wurdest im Sommer nach zwei oder drei Sonnenbädern einfach schön braun und immun.

Ich weiss nicht mehr, ob wir dann mit einem Bus oder einem Taxi in die Stadt zurückfuhren. Abends bekam ich auf jeden Fall meine Füsse fast nicht in die Socken und Schuhe, so stark schmerzten sie.

Aber sonst war Agrigento der Hit. Abends war die «Viale della Vittoria» eine einzige Flaniermeile. Unter den Bäumen und in der ausklingenden Tageshitze spazierte die halbe Stadt dort entlang. Man schwatzte, verhandelte, fuchtelte mit den Händen. Vermutlich wurden Geschäfte verhandelt, Ehen angebahnt oder nur über die Politik oder den Calcio diskutiert. Auf jeden Fall gab es unzählige Cafés und kleine oder grössere Ristorante, wo man auf dem Balkon oben über die Strasse schauen konnte. Wir assen frische griechische Salate mit Tomaten, wie ich sie vorher noch nie gekostet hatte. Die Gurken (sorry, Herr Natischer) waren knackig und erfrischend. Und natürlich gab es frische Pizzen, wie wir sie in der Schweiz damals noch nicht wirklich kannten. Und der vino rosso dazu schmeckte ganz ausgezeichnet.

Was war das für eine interessante Zeit, noch ganz ohne Telefonino und Internet. Erinnerst Du Dich auch noch?

Nun, ich gehe davon aus, dass Shanghai auch ganz interessant ist, aber mich zieht es aktuell eher nicht nach China, sondern in die andere Richtung. Also, bis ein anderes mal! 

Dein Freund und Stifti-Kollege, Urs

Urs Samstag 03 September 2016 - 8:37 pm | | default
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Ein Kommentar

Herr Natischer

So eine nette Geschichte, und dann – vergurkt! ;)

Herr Natischer, - 04-09-’16 16:59
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