USZeit 2018, How to catch the train

Wie ich im letzten Beitrag geschrieben habe, landete ich ja unerwartet in Newark und hatte einen frühen Flug von dort nach Chicago O'Hare, welcher bei rechtzeitigem Abflug bzw. Ankunft eine Chance hätte, mir die geplante Reise mit dem Zug zu ermöglichen.

Ich wachte früh auf, als das iPhone klingelte. Kurz in die Dusche und Zusammenpackennwar angesagt. Mein Magen war mit einer grossen Menge Nervosität gefüllt und als ich gegen 6:30 Uhr in der Reception ankam, stand da ein Shuttle zum Flughafen bereit. Da das nächste Shuttle wäre wohl erst in einer halben Stunde gegangen wäre, liess ich das Frühstück sausen und stieg ein.

Auf dem Weg zum Newark Parking P4, von wo der Airtrain fährt, ging gerade die frühe Sonne über dem fernen Manhatten auf. Trotz Nervosität eine tolle Stimmung. Leider liessen sich in dem schlecht gefederten Shuttle mit den üblichen, traurigen Zuständen der Autobahnen keine gescheiten Bilder machen.

Der Airtrain in Newark besteht aus mehreren, kleinen Wägelchen, die etwa Platz für knapp 10 Personen bieten. Er rumpelte relativ zügig zu den Terminals. Am dritten, dem Terminal A, stieg ich aus und ging zum Checkin. 

Sorry für das Hochkant-Video. Es musste schnell und einhändig gehen :-)

Newark ist deutlich kleiner und auch ein wenig gemütlicher. Ich wartete rund fünf Minuten, bis ich zu einem Mitarbeiter vorrücken konnte. Der war sehr freundlich und da ich glücklicherweise auch die Quittung der Gepäckabfertigung vom Vortag noch hatte, konnte er nach ein paar Manipulationen den Computer überreden, eine neue Etikette auszuspucken, ohne dass ich erneut hätte bezahlen müssen.

Auf der Bordkarte stand ein kleines «TSA Pre», welches ich nicht mal bemerkte. Es bescherte mir einen beschleunigten Durchgang bei der Security. Weder Schuhe ausziehen, noch Computer aus dem Rucksack nehmen.

So war ich gegen sieben Uhr schon am Gate. Der Flug sollte erst um 09:15 abheben. Ich schlug die Zeit mit einem Mineralwasser und viel Autosuggestion (s'chunnt scho guet, s'chunt scho guet) tot. :-)

Frühe Morgensonne über der Skyline von Manhattan und dem Flughafen Newark

Das Boarding begann um 8:45 und verlief in Gruppen äusserst diszipliniert, was mich etwas verwunderte. Ich hatte einen Fensterplatz ohne Fenster, aber grad noch Platz für den Rucksack auf der Gepäckablage. Wir gondelten dann noch relativ lange am Boden herum, aber der Kapitän meinte, wir würden vorzeitig in O'Hare sein.

Der Flug ging recht schnell durch, so dass ich die beengten Sitzverhältnisse nur mit leichten Rückenschmerzen überstand. Es gab sogar ein Getränk und ein Guetzli. Dass das Unterhaltungsprogramm mässig war, übertünchte ein kleines Mädchen, das zwei Reihen weiter vorne herumturnte, allen Leuten einen guten Tag wünschte und auch sonst ein Wirbelwind war.

Tatsächlich erreichten wir Chicago bereits um 10:30 Uhr Ortszeit, somit eine halbe Stunde zu früh. Und wir erhielten sogar ein freies Gate. Ich ging zu den Gepäckbändern, wo ich die junge rothaarige Frau, welche ich am Vorabend im JFK schon am selben Schalter gesehen und mit ihr gesprochen hatte, wieder traf. Wir gratulierten uns beidseitig, dass wir es geschafft hatten. :-)

Kurz nach 11 Uhr kam mein Koffer auf dem Rollband und ich ging damit schnurstracks zum gut signalisierten und mir bekannten Bahnhof der CTA. Der Ticketkauf ist recht einfach, auch wenn die Automaten immer lange Warteschlangen haben. Fünf Dollar leichter eilte ich zum Bahnsteig, wo ein Zug der «Blue Line» in die Stadt schon bereitstand.

Allerdings waren die meisten Türen verschlossen, zudem war es in der Station brütend heiss/schwül. Ich schälte mich so schnell als möglich aus dem Jacket. Dann kamen Mechaniker und öffneten die Türen mit einem Überbrückungsschlüssel von Hand. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, ob der Zug so wirklich abfahren werde.

Ich setzte mich neben einen Penner, der den Zug wohl als Nachtlager erkoren hatte und konnte meinen Koffer hinter mir irgendwie fixieren. Der Zug füllte sich bald und rund fünf Minuten später setzte er sich in Bewegung. Worauf die Koffer meines Sitznachbarn sich ebenfalls in Bewegung setzten und beinahe ein paar Leute überfuhren.

Wir kamen dann ins Gespräch – eben etwas, das ich hier liebe, wie einfach das geht – und er stellte sich als Victor vor. Sah aus wie ein Italiener, war aber irisch-polnischer Abstammung. Er erzählte mir viel über Chicago, was sich manchmal als etwas herausfordernd herausstellte, weil der Krach im Zug zuweilen sehr stark ist.

Irgendwann blieb der Zug dann tatsächlich auch noch ruckartig stehen und der Geruch machte ihn und ein paar Leute ziemlich nervös. Als Bahnprofi kann man da natürlich beruhigend erklären, dass das nur die Bremssohlen seien, die etwas warm geworden seien ;-)

Nach rund einer Stunde Fahrzeit kamen wir an der Station Clinton an. Ich hatte mir diesmal die Richtung gemerkt, in welcher ich oben auf der Clinton Street zur Union Station kommen sollte. Ich schaffte es, im Gewirr der Treppen und Ausgänge die Orientierung nicht zu verlieren. Fragte dann oben unterwegs zur Sicherheit doch nochmals einen hinter mir gehenden Mann. Er verkaufte eine Art «Surprise» für eine Kirche, also spendete ich ihm nach etwas Zögern zwei Dollar.

Ich war dann froh, der mittäglichen Hitze (rund 29°C) von Chicago über die klimatisierte Union Station zu entkommen. 

Chicago Union Station, Schild über dem Eingang

Ich ging mir im Essen-Stockwerk zwei Sandwiches und ein Getränk jagen, kehrte dann zurück zur Amtrak Lounge. Als ich dort eintraf, wurde ich darauf hingewiesen, dass ich Anrecht auf die Metropolitan Lounge hätte, welche weiter oben in der Nähe der Haupthalle läge. Stephan, das hätten wir wohl letztes Mal auch gekonnt! ;-)

Dort war gerade ein wenig ein Puff, da noch eine ganze Gruppe, welche einen Schlafwagen alleine füllte, unterwegs war. Als ich der gestreng blickenden Angestellten mein Ticket zeigen durfte, erhielt ich Einlass und dort hatte es nicht nur genügend Platz, sondern auch überall Steckdosen, ein kleines Salat- und Getränkebuffet. Ich erspähte auch noch eine kleine Bar und liess mir grosse Dose «Anti Hero IPA» von Revolution Brewing aushändigen. Das war dann natürlich nicht mehr kostenlos.

So konnte ich langsam etwas herunterkühlen und meine Nerven streicheln. Was konnte nun noch schief gehen? 

Natürlich nichts mehr. Um 13:30 begann das Boarding und schon bald sass ich in meinem Abteil Nummer 004 im Wagen 533 des California Zephyr.

Blick auf den Lounge Car und den hinteren Teil des California Zephyr von Amtrak in der Union Station of Chicago

Die alte Bahnhofhalle der Union Station wird seit Jahren saniert, die kommen da nicht vorwärts. Die Abfahrtshalle der Züge selber ist grad gar nichts Schönes. Dunkel, muffig, laut und man möchte gar nicht über den Zustand der Betondecke nachdenken.

Vicky, die Schlafwagenschaffnerin begrüsste mich und wollte mir ein paar Erklärungen abgeben. Nun, das musste sie nicht, ich bin ja fast schon ein Profi im Schlafwagenfahren bei Amtrak.

Als «alter Isebähndler» konnte ich mir natürlich den Blick auf die Uhr nicht verkneifen. Fuhren die doch tatsächlich 45 Sekunden vorzeitig ab! ;-)

Wolkenhimmel über Chicagos Union Station

So machte der Wolkenhimmel weniger Angst, als am Vorabend, wo offenbar ein ziemlich heftiges Gewitter die Zufahrtsstrassen zum Flughafen überschwemmten und auch im Terminal 5 Schäden anrichtete.

Im Verlaufe des Nachmittags wollte der California Zephyr aber nicht so richtig Fahrt aufnehmen. Immer wieder hielten wir für längere Zeit an oder fuhren nur im Schritt. Ich dachte erst, das läge an Bauarbeiten, aber offenbar hatten die Dispatcher mal wieder die Güterzüge bevorzugt behandelt. Da die Gleise ja auch nicht Amtrak gehören, ist das die Konsequenz.

Um 18:30 Uhr überquerten wir den Mississippi bei Burlington, an der Staatengrenze von Illinois zu Iowa.

Überquerung des Mississippi River bei Burlington

Beim Nachtessen war es ein wenig schwierig. Ich wurde neben einen ebenfalls nicht so schlanken Mann gesetzt, der seinen linken Arm noch in einer Schlinge hatte. So hatte ich meinen Hintern zur Hälfte noch auf dem zum Glück breiten Gang. Die zwei anderen «Mit-Esserinnen» waren sehr nett. Die eine Dame war schon über achtzig Jahre alt und fuhr häufig mit dem Zug. Das Gespräch war im lauten Speisewagen aber etwas schwer zu führen.

Und schon bald war ich wieder zurück in meinem Abteil, welches ich von Vicky in die Nachtstellung bringen liess. Ich geniesse die Privatspähre, wenn der Vorhang gezogen und die Türe geschlossen ist. Die Länge ist für mich absolut in Ordnung. Der Koffer hat Platz im Abteil und der Rucksack geht dann ans Fussende. Man liegt längs zur Fahrtrichtung und ich lasse jeweils beim Kopfteil den Vorhang nach aussen offen. So kann man noch ein wenig nach draussen linsen. Viel Licht hat es ja selten, da die Fahrt über das weite, ebene Land geht.

Abteil «Roomette» im Schlafwagen des California Zephyr

Alle paar Minuten ertönt das «Tuut» der Lokomotive, welche vor jedem Bahnübergang Signal geben muss. Die Doppelstockwagen schaukeln, manchmal heftiger, manchmal weniger und so falle ich in den seligen Schlaf nach diesen etwas stressigen Tagen der Anreise.

Urs Donnerstag 06 September 2018 - 7:32 pm | | default
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zwei Kommentare

duuderino

Cooler Bericht. :-)

Fazit:

Was heisst Bremssohlen auf Englisch, respect :-)
und zweitens scheint in der USA es gerade umgekehrt zu sein, bezüglich Vortritt Güter vs. Personenzüge, interessant.

Weiterhin viel Spass!

duuderino, - 07-09-’18 09:48
Ursli Himself

Ich sage dem einfach «Brakes».
Amtrak hat nur an der Ostküste eigene Gleise (Boston – New York – Washington D.C. ungefähr). Ansonsten fahren die Kollegen sozusagen als EVU auf den Gleisen der Güterbahnen. Und bezahlen wohl einfach zu wenig dafür.
Ist aber auch logisch, die Güterzüge halten nicht, also lässt man sie vor. Der Energieverbrauch bei so schweren Güterzügen wie hier (teilweise bis 120 Vierachser) beim Abbremsen ist sehr hoch.

Ursli Himself, - 07-09-’18 19:59
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