Tanz Dich Frei, Urslis Nachlese

Gestern fand ja dieses «Tanz Dich Frei» in Bern statt. Wer mich kennt, weiss, dass ich selbst solchen Veranstaltungen fern bleibe. Hauptsächlich aus zwei Gründen: weder bin ich eine Person, welche gerne öffentlich «abfeiert und tanzt», noch liebe ich grosse Menschenmassen. Zudem ist die Berner Innenstadt im Moment wirklich kein Festplatz mit all diesen Baustellen.

Mich als Bewohner (und somit «Benutzer») der Stadt nerven eigentlich eher alle Anlässe (Demos, Sportveranstaltungen oder einfach nur Autounfälle), sind sie doch jeweils Grund von Verkehrseinschränkungen. Und in Bern gibt es deren wirklich genügend. Wenn ich sicher auf einen Zug will, muss ich rund eine Stunde vor Abfahrt aus dem Haus. Nur dann ist es sicher, dass ich schlimmstenfalls zu Fuss zum Bahnhof komme. 

So fand gestern zum Beispiel am Nachmittag auch eine kleine Kundgebung gegen Gentech von Monsanto statt. Dafür sah man fast keine Leute mit Handtüchern :-(

Zurück zum «Tanz Dich Frei», das Ergebnis ist ja nun klar. Die Presse hat ihre Schlagzeilen erhalten. Die Konservativen haben ihre Bestätigung über die Linken und die Jugendkultur erhalten. Die Festfreudigen haben Pfefferspray und Tränengras erhalten. Die Geschäftsinhaber haben kaputte Schaufenster, versprayte Fassaden oder geplünderte Geschäfte erhalten. Die Polizisten mussten sich rumprügeln, anstelle zu Hause bei Kollegen oder Familie zu sein. Die Reinigung musste Sonderschichten fahren. Die halbe Stadt wurde durch den Lärm des Überwachungshelikopter wachgehalten. Über Geld reden wir jetzt mal nicht.

Meine Erwartungen wurden leider auch erfüllt. Nun kann man das ja im Nachhinein gut und einfach behaupten. Es hätte ja auch wie in den letzten zwei Jahren (einigermassen) friedlich verlaufen können. Vielleicht mit etwas viel Abfall, aber eben, ohne Tränengas und Gummigeschosse. Hätte es das?

Ich behaupte: Nein!

Weil die Organisatoren hinter dem Anlass «Tanz Dich Frei» eigentlich sehr früh bekannt waren. Nein, nicht namentlich, aber als ideologische Bewegung. Dazu musste man nur die Facebook-Seite angucken. Die Parolen oder dort favorisierten, eingebetten Links zeigten klar auf, dass hinter dem Anlass die «Autonomen» bzw. der «Schwarze Block» steckt.

Und das sind die Leute, die nun ihre Ziele erreicht haben. Als anarchistische Staatsgegner (die zwar gerne linke Parolen rufen, aber überhaupt nichts mit den Linken zu tun haben), konnten sie eine grössere Manövriermasse an jungen «Tanz Dich Frei» - Anhängern und Mitläufern (Zuschauer, Zaungäste) hinter sich scharen.

Wie üblich gehen die «Autonomen» dann durch die Stadt und suchen gezielt die Konfrontation mit der Polizei. Wie auch schon in der Vergangenheit (zB Anti Irakkriegs-Demo 2003), ist der Bundesplatz und das Bundeshaus als das Symbol der verhassten Staatsmacht natürlich bestens geeignet. Dieses Jahr war das Bundeshaus und die Bundesgasse ja schon für den Besuch des chinesischen Premiers mit schönen Gittern abgeriegelt.

Also läuft man auf dem Kulminationspunkt zu so einer Abschrankung, brüllt die «Bullen» mit anti-kapitalistischen Parolen und beleidigenden Bezeichnungen an und irgendwann schmeisst dann einer der vermummten, heldenhaften «Kämpfer gegen die Staatsmacht» ein Molly oder eine Abschrankung nach der Polizei oder man versucht gemeinsam, die Abschrankung zu durchdringen.

Was natürlich zu einem Einsatz der Polizei führt. Vielleicht wurde ein Polizist von der Abschrankung getroffen, was natürlich deren Wut auch nicht grad verringert. Und so beginnt die «Schlacht»!

Natürlich werden nun auch Unschuldige von den Auswirkungen (Tränengas, Pfefferspray, ev auch Gummigeschosse) in Mitleidenschaft gezogen. Und bei den Mitläufern, angeheizt durch Parolen, Alkohol und eine latente Frustration wirkt nun das «Gift» der «Autonomen». Sie machen natürlich jetzt mit, geben es diesen blöden Polizisten, welche ihre Feier stören.

Was durchaus im Sinne des «Schwarzen Blocks» ist. So holen sie den einen oder anderen der Mitläufer permanent zu sich. Wer genug Alkohol, Tränengas und vielleicht auch noch ein Gummigeschoss abgekriegt hat, wird vielleicht demnächst auch mal zu einer Versammlung kommen und den Altvorderen zuhören, welche ihm die neuen, alten Parolen verkauen.

Und wer hat nun gewonnen? Die «Autonomen»? Man könnte es meinen. Nur werden deren Mitglieder ja auch immer wieder älter und vernnünftiger (gut, Andrea ausgenommen) und wenden sich irgendwann ab. Hat also niemand gewonnen? Leider nein, solche Anlässe lassen eigentlich immer die politische Rechte/Konservative gewinnen. Sie haben nun wieder Argumente für mehr Repression, mehr Regulation, mehr Überwachung…

Und die Hauptopfer sind die Jungen, welche mit «Tanz Dich Frei» nur etwas mehr Freiraum forderten? ich weiss nicht recht, gestern Abend hatte ich eine Twitter-Unterhaltung mit einem «Tanzfreudigen»:

 

Ausschnitt der Twitter-Unterhaltung mit Kusito, Nachtmeister und Tocaya

«Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen» oder «In for a penny, in for a pound»? Laufe ich, aus welchen Gründen auch immer, jemandem hinterher, mache ich seine Sache zu meiner!

Schade, wirklich. Zum Glück bin ich kein Verschwörungsanhänger :-)

Urs Sonntag 26 Mai 2013 - 10:05 am | | default

drei Kommentare

Ursli Himself

Übrigens hier noch ein paar sehr eindrückliche Bilder des nicht so friedlichen Teils des «Tanz Dich Frei» von Raphael Moser auf Flickr:
http://www.flickr.com/photos/raphael_mos..

Ursli Himself, (URL) - 26-05-’13 11:24
Andi

Meine Rede, danke – ein wenig den Kopf schräg halten und den Aufruf genauer angucken hätte genügt, um einen grossen Bogen um den Anlass zu machen. Wenn dann die “reine Partyfraktion” während des Umzugs auch nicht den Mut aufbringt, die Gewalt-Idioten aktiv zu stoppen, oder sich im Vorfeld Gedanken dazu gemacht hat, welche Taktiken man dazu anwenden könnte, dann…

Andi, (URL) - 26-05-’13 12:39
Andi

Meine Gedanken drei Wochen danach: http://blog.jacomet.ch/?p=9481

Andi, (URL) - 21-06-’13 13:37
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