Migrationshintergründe

Inspiriert von einem Tweet/Blogbeitrag von @Herr_Natischer.

Migration, von [migrare] (lat.),
in Deutsch mehrdeutig: 
auswandern, wandern, sterben, verändern, transportieren, verletzen, übersiedeln

Ich bin ein CH-Migrant!

Geboren im unteren Limmattal, im Kanton Aargau, habe ich schon in der Lehre zwischen Aargau und Zürich gependelt. Würenlos, AG, Zürich (Seebach) und dann wieder Killwangen (AG). Nach der Lehre wurde ich an die Landesgrenze an den Bodensee gesandt und lernte dort die Bedeutung der Wörter «astig» und «Saft». Anschliessend wurde ich unfreiwillig in den italienischsprachigen Teil der Schweiz migriert und durfte dort dreieinhalb Monate in kratzigen Gewändern die Einheimischen belästigen und ihnen den Platz in ihren Dörfern und Restaurant streitig machen.

Anschliessend verbrachte ich zwei Jahre am schönen Zürichsee, erst noch an der Goldküste! Bis mich mein Arbeitgeber darauf aufmerksam machte, er gedenke meinen Arbeitsplatz aufgrund wirtschaftlicher Zwänge aufzuheben. Ich fand eine neue Wohnung in Zürich Nord und arbeitete in unmittelbarer Umgebung des Flughafens, bis erneut eine betriebliche Umstrukturierung fällig wurde.

Es zog mich zurück in die heimliche Hauptstadt des Aargau, wo ich eine unglaublich schöne Zeit verbrachte. Neben einer Wohnung mit direktem Bahnanschluss, war vor allem das Arbeitsumfeld mit den Kolleginnen und Kollegen sehr toll. Am Mittagstisch war ich meist der einzige (richtige) Aargauer. Andere sprachen Bündnerdeutsch, Rhientalerisch, St. Gallisch, Ürnerisch, Chlettgauisch, Thurgauisch, Soledurnisch, Fricktalerisch, halbwegs Glarnerisch und sogar eine Kollegin aus dem Welschland war dabei. Der Chef des Verkaufs, ein Freiämter, führte mich auf die Spur einer sprachlichen Spezialität meines Vaters. Und die Mitarbeitenden in der Reinigung und Rangier kamen aus Marokko, Italien oder dem Kosovo.

Irgendwie überzeugte mich dann ein Linienverantwortlicher, wieder nach Zürich auszuwandern. Ich liess mich für ein paar Jahre im Westen der grossen Stadt nieder. Das Sprachenwirrwarr der rund 300 Mitarbeitenden an diesem Arbeitsort zu nennen, würde den Umfang des Artikels sprengen.

Der weitere Weg zu einer interessanteren und zukunftsgerichteten Stelle führte mich dann vor 18 Jahren nach Bern. Wirklich integriert bin ich hier leider nicht. Ich verstehe die Sprache der Einheimischen zwar gut, aber man merkt mir meine Herkunft leider immer noch an. 

Aber der ganze Ursli wäre vermutlich vermeidbar gewesen, wenn wir im zweiten Drittel des zwanzigsten Jahrhundert schon eine Mauer um die Schweiz gebaut hätten. Dann wäre meine Mutter als Wirtschaftsflüchtling aus Deutschland nie eingewandert und hätte nie meinen Vater geheiratet. Somit wäre ich inexistent.

Nein, ihr müsst nicht raten, was ich am kommenden Wochenende stimmen werde.

Urs Sonntag 02 Februar 2014 - 1:33 pm | | default
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Ein Kommentar

Remo

Schön gesagt und geschrieben.

Remo, - 02-02-’14 20:16
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